#61 "T&T für Eilige": Darf ich hier klatschen?
Shownotes
Darf ich hier klatschen?
Wer schon einmal in einem klassischen Konzert saß, kennt vielleicht die Fragen:
- Darf ich zwischen den Sätzen klatschen?
- Ist es erlaubt während des Konzerts zu essen?
In unserem neuen Podcast für Eilige (ca. 12 Min) gehe ich genau diesen Fragen nach … mit einem Augenzwinkern und ohne erhobenen Zeigefinger.
Denn klassische Musik war nicht immer das, was sie heute oft ist: ein streng geregeltes Ritual. Im Gegenteil, sie war (und ist es eigentlich immer noch) lebendig, gesellig, voller Austausch, manchmal laut, manchmal chaotisch… und vor allem: menschlich.
Wir laden Sie ein zu einer kleinen Reise in die klassische Musik:
- … hinein in die Welt der klassischen Musik
- … über starre Regeln
- … vielleicht ein Stück näher zu einem eigenen, freien Hören
- … mit Gedanken über Applaus, Konzertkultur und der Frage, ob Musik nicht immer auch Erlebnis sein darf.
Und am Ende des Podcasts wartet ein kleiner & feiner musikalischer Gruß von Robert Schumann auf Sie.
Wir freuen uns, wenn Sie reinlauschen und vielleicht Ihre eigene Antworten(en) finden.
Sie wollen mehr dazu hören & wissen? Na dann, Sie wissen, wie es geht … 😉 … ab in den Podcast und OHREN auf!
À bientôt Claudia & Andreas Lutschewitz
Musik im Podcast: Robert Schumann „Bunte Blätter“, Op. 99 Stücklein Andreas Lucewicz im Konzert am 01.09.2002 im Schloß in Sonderborg / Däne-mark Steinway C Danish Radio
Unsere Podcast-Inhalte sind sorgsam recherchiert. Bei Fragen und Interesse freuen wir uns über eine Nachricht an: Kontakt@lutschewitz.de
Wir wollen die klassische Musik näher heranrücken an den Alltag aller Zuhören-den und laden sie ein, einzutauchen in die Kraft der Musik, verbunden mit Psychologie & Philosophie.
Ein Kaleidoskop aus:
- Musik,
- Philosophie &
- Psychologie
Die Zeit zu lernen ist: JETZT! Den klingenden Teil gestaltet der Pianist Andreas Lucewicz. Die menschlichen & humorvollen Teile gestalte ich 😉. https://www.andreaslucewicz.de/
Eine Bitte an unsere Hörerinnen & Hörer:
- Wir freuen uns über eine Bewertung unseres Podcasts - SEHR.
- Holen Sie daher bitte gerne für uns 5 Sterne vom Podcast-Himmel und schreiben Sie, was Ihnen besonders gefällt oder gefallen hat.
- Das schenkt noch mehr Menschen unsere Inhalte, da der Podcast durch das bes-sere Ranking öfter vorgeschlagen wird.
- Herzlichen Dank 💕
Transkript anzeigen
00:00:06: Herzlich willkommen zur Töne und Temperamente für Eilige.
00:00:09: Heute zum Thema, was Sie schon immer über klassische Musik wissen wollten aber nie zu Fragen wagten!
00:00:17: So z.B.
00:00:18: die Frage Bin ich normal?
00:00:21: Wenn ich mich im Konzert langweile?
00:00:23: Oder muss sich das Programmheft lesen?
00:00:27: Wirklich?
00:00:29: oder warum soll man zwischendurch nicht klatschen
00:00:32: dürfen?!
00:00:33: Und warum darf ich im Konzert nicht essen, wie im Kino zum Beispiel?
00:00:37: Da geht's doch auch!
00:00:38: Und so weiter und so weiter.
00:00:41: Fragen sind in erster Linie ja nicht dazu da um beantworten zu werden, Fragen sind dazu da, um gestellt zu werden oder?
00:00:49: Doch bei der einen oder anderen Frage kommt man sich dann doch ein bisschen komisch vor.
00:00:54: So geht es mir zumindest.
00:00:56: Dann denke ich oh Gott oh Gott.
00:00:57: mit der Frage da oute ich mich jetzt... ...und ich zeige dass ich eigentlich gar keine Ahnung von der Materie hab.
00:01:05: Wobei, gibt es nicht den Satz Es gibt keine dummen Fragen sondern nur dumme Antworten?
00:01:13: Lassen wir das als solches jetzt einfach mal stehen und steigen hier tiefer in die Musik ein bzw.
00:01:19: in die Frage was sie über klassische Musik vielleicht immer schonmal wissen wollten aber noch nie gefragt haben.
00:01:27: Also lasse Sie mich im folgenden erst einmal klären was denn überhaupt Klassische Musik ist da wir im Podcast ja vorwiegend klassische Musik wählen und nur hier und da mal Jess dabei war.
00:01:41: Die Welt der klassischen Musik ist so ein bisschen, ein Ort des Idealismus – so nehme ich sie zumindest wahr!
00:01:50: Ein Ort wo das Gute das Böse besiegt, die Liebe triumphiert oder zumindest meistens, wo man immer eine zweite Chance bekommt auch wiederum meistens alles gut ausgeht, so zumindest in der Oper.
00:02:07: Und unter klassischer Musik verstehe ich die Musik, die in der westlichen Welt in den letzten paar hundert Jahren komponiert worden ist.
00:02:16: Diese Musik ist normalerweise für ein Orchester oder eine Kombination aus Orchesterinstrumenten für Tasteninstrumente, Gitarre oder Gesang geschrieben und bis vor kurzer Zeit Das zumindest aus erdgeschichtlicher Zeit, machten die Leute keine große Unterscheidung zwischen populärer und klassischer Musik oder U-und E-Musik.
00:02:41: Im achtzehnten und neunzehnt Jahrhundert war das alles einfach Musik – und die Leute liebten sie!
00:02:48: Man ging zur Aufführung der neuesten Sinfonie, man ging ins Konzert in die Oper sowie heute vielleicht zu einem Rockkonzert.
00:02:57: Einfach um... Spaß zu haben.
00:03:00: Die Leute freuten sich darauf, ihre Lieblingsstars zu sehen mit ihren Freunden zu klönen und ihren Lieblinsmelodien zu lauschen!
00:03:10: Sie trugen Freizeitkleidung, brachten sich Essen und Trinken mit und klatschten und jubelten sogar während der musikalischen Darbetung – eben wenn ihnen danach war.
00:03:21: Ja klassische Musik war damals eher wie heute Popmusik ist….
00:03:25: Und heute, ja heute applaudiert man im klassischen Konzert am Ende und in der Oper hier und da auch während der Aufführung.
00:03:33: Doch muss das so sein?
00:03:37: Dass die Regidität des Konzertrituals mit ihren Normierungen unattraktiv ist wissen viele Menschen – wahrscheinlich sogar fast alle!
00:03:47: Wer mag schon still sitzen zuhören nicht essen und nur an außergewöhnlichen Stellen klatschen
00:03:52: dürfen?!
00:03:53: Das ist abschreckend….
00:03:55: Seien wir doch mal ehrlich, und dennoch wird diese emotionslose und wenig spontane Haltung trotzdem immer noch so gelebt im Konzertwesen.
00:04:05: Und Klassikneulinge müssen sich auf dieses Ritual einstimmen!
00:04:09: Nicht selten heißt es – eines müssen Sie mir bitte versprechen, klatschen sie nicht jedenfalls nicht zwischen den Sätzen und auch nicht gleich wenn das Stück vorbei ist.
00:04:20: Warten Sie bis Sie ganz viele um sich herum klatschend hören und klatschten Sie erst dann.
00:04:26: Selbstverständlich können wir uns als Klassik-Fan und Zuhörer auf die Seite dieser Ratgeber schlagen.
00:04:32: Und uns so den Anforderungen der Konzertrituale bedingungslos unterwerfen, denn schließlich kennen wir alle das Phänomen des Fiktionsbruchs!
00:04:43: Der entsteht wenn… Das Rascheln von Plastik oder das leise Zerkauen von Kartoffelchips uns sofort und umstandslos aus dem Musikgeschehen zurück in die hässliche und überheizte Gegenwart reißt.
00:05:01: Sollte es so sein, dass im Konzert niemand essen oder an der falschen Schelle klatschen darf damit keiner vom Streifen durch das Wunderland der Musik abgelenkt wird?
00:05:11: Ja man ist ja sehr rücksichtsvoll!
00:05:15: Man möchte eben total zuhören – und nicht nur mit halbem Ohr.
00:05:19: Hmm... jenes aggressive Gezische aus dem Publikum, wenn jemand gegen den akustischen Strom schwimmt, zeugt ja vom unbedingten Wunsch danach nichts aber auch gar nichts zu verpassen.
00:05:37: Außerdem würde es wahrscheinlich sehr viel kosten die Konzertsäle und Opernhäuser nach der Darbietung fachgerecht zureinigen.
00:05:45: Denn wir Menschen neigen ja mitunter dazu, Dinge fallen zu lassen, liegen zu lassen – wegzuwerfen!
00:05:55: womöglich hat man auch die Angst, dass ein Zuschauer etwa mit seiner Gräpfut an den nächsten stehenden Kontrappass spritzt.
00:06:06: Für die eigenartige Isolierung der Konzertmusik von allem was als zu weltlich genussvoll angesehen werden könnte gibt es gewiss viele Gründe davon gehe ich aus.
00:06:17: und auch mit dem Applaus verhält es sich komplizierter als man denken mag.
00:06:22: Es geht nicht bloß darum, nur an den Darbietungsenden in die Hände zu klatschen und so vermieden zu haben, dass Stücke in der Mitte zerschnitten werden, das allein mehrere Albern und Zukunfts gedacht.
00:06:35: Vielmehr stellt der Konzert-Aplaus die kümmerlichen Reste von Aktivitäten aus jener Zeit dar, in denen alle miteinander musizierten – und es noch keine Scheidung zwischen aufführendem und zuhörendem gab!
00:06:51: Am Applaus merkt man außerdem, dass durch die Musik überhaupt eine Wirkung zustande kam.
00:06:58: Und Applaus ist Honorar-Ersatz des Künstlers.
00:07:02: Brot sagen manche dazu und kontrollieren wenn sie auf der Opernbühne zum Beispiel stehen und sich eben verbeugen ob Sie auch mehr Bravi kriegen als die Kollegen.
00:07:14: Schließlich stellt der Applaus auch ein regite, reklementiertes zeremonielles Verhalten dar.
00:07:22: Man könnte sagen, im Konzert ist die Disziplinierung der menschlich Natur besonders weit fortgeschritten.
00:07:29: Dem möchte ich hier nun wirklich nicht widersprechen und Applauspolizisten vergessen dabei wie wichtig die Interpretation des Applausgeschehens als relikt natürliche Aktivität des Publikums ist.
00:07:44: Die Applaus-Polizisten möchten alle Zuhörenden in jene Lähmungsähnliche Reglosigkeit hineindrängen, zu der eine gesteigerte innerliche Aktivität passieren soll.
00:07:56: Ihnen gilt also das Motto «äußerlich die Schildkröte innerlich aufgewühlt wie nichts».
00:08:03: Diese Hörhaltung ist vermutlich aus jener Sicht auf die Musik geboren, den ihr vor allem die geistige Herausforderung sehen möchte!
00:08:12: Das Musik, aber nicht nur geistiges sondern auch sinnliches Vermögen sein kann.
00:08:17: Also nicht nur Erkenntnis, sondern auch Erlebnisformen.
00:08:20: das wissen wir alle!
00:08:22: Wir alle haben schon getanzt, haben Musik zum Essen aufgelegt oder uns von grausigen Gitaristen auf süddeutschen Restaurant-Terrassen vorspielen lassen.
00:08:32: Diese Verknüpfung zwischen Musik, Tanz und Essen ist ja tausendealt.
00:08:38: Eine der schönsten Geschichten dazu findet sich in Giovanni Boccacius de Camarone, wo sieben junge Frauen und drei junge Männer – Der Pest in Florenz im Jahre thirteenhundertachtundvierzig entfliehen und einige Zeit auf dem Land verbringen.
00:08:55: Dort sind Sie lustig essen trinken singen musizieren und tanzen und zwar jeden Morgen und jeden Abend.
00:09:02: unter Zwischen erzählen Sie sich Geschichten!
00:09:05: Ein wunderbares Bild oder?
00:09:08: Dass man es sich heute beim Musikhörn nicht mehr so richtig gut gehen lässt, hat mit einer Entwicklung zu tun die ungefähr zweihundert Jahre alt ist.
00:09:17: Nämlich – Mit der Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bewusst getroffenen Entscheidungen zwischen Unterhaltungsmusik und ernster Musik zu trennen!
00:09:27: Der eigenartigen Reinigung des Musikhöhrens von jeglichen anderen weltlichen Genüssen entspricht der Anschauung, dass die Musik eine virtuelle Welt darstellt in die nicht einreisen kann wer mit den Füßen zu sehr auf der Erde fest hängt.
00:09:43: Es soll einfach nichts ablenken vom hin und zu hören!
00:09:48: Man hat Angst, dass die Musik zur akustischen Beilage vorkommt und wünscht sich zu gleichen Zeit ein Publikum das auf mehr aus ist als auf schnellen Genuss- und Triebbefriedigung.
00:10:02: Weil das Hören selbst ein sinnlicher Akt ist haben die Verfechter des Nichtessenden kontrolliert applaudierenden Konzertbesuchertums gutreden.
00:10:12: Sie sagen einfach, dass sie Zurücknahme der Außenaktivitäten der guten Sache diene nämlich, das Hören selber und die zugehörige Sinnlichkeit maximal hochzufahren.
00:10:23: Manchmal geht diese Rechnung vollkommen auf – und manchmal auch nicht!
00:10:29: Das einzige was dann noch hilft ist Entspannung.
00:10:33: Und vielleicht ein paar Gedanken über die furchtbare Einseitigkeit des Musikbegriffs der hier gepflegt wird?
00:10:39: Die zementende Kraft von Hörtypologie über die Frage ob es nicht auch mal ein bisschen verschiedenerartiger sein darf Diese Musik und jene.
00:10:50: Das eine Bedürfnis, das andere dieses zuhören – und eben auch ein anderes, ein solches.
00:10:59: Andere Länder geben uns dazu Beispiel.
00:11:02: Hier nun einen kleinen und kurzen Gruß von Robert Schumann.
00:11:06: Er nannte es Stücklein- und es gehört zum Werk Bunte Blätter Opus ninety-neunzig.
00:13:05: Danke, dass Sie sich zugeschaltet und bis hierhin gelauscht haben.
00:13:08: Schön wäre es, wenn Sie diesen Podcast bewerten und abonnieren!
00:13:13: Denn damit erhöhen sie seine Reichweite – und das wiederum würde uns sehr helfen, denn dann werden wir mehr gehört.
00:13:21: Und wenn Sie dazu keine Lust oder Zeit haben… Dann ist das auch in Ordnung.
00:13:26: Abiantu.
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